{"id":331,"date":"2014-12-29T19:51:03","date_gmt":"2014-12-29T19:51:03","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.2.101\/wordpress\/?page_id=331"},"modified":"2026-09-19T22:12:24","modified_gmt":"2026-09-19T22:12:24","slug":"kulturnews","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wiesenhausen.de\/?page_id=331","title":{"rendered":"Kulturnews"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dies ist keine Heldenreise: Cronbergs &#8222;Das Himmelreich&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Vier Jahre nach dem von der Kritik gescholtenen \u201eDer Kommissar und das Ungeheuer\u201c hat Starregisseur Archibald Cronberg seinen neuesten Film in die Kinos gebracht. Und besonders in Meadowhouse wurde dieses Werk mit gro\u00dfer Anspannung erwartet. \u201eDas Himmelreich\u201c behandelt den Sturz Enczegovijas und dessen Vorgeschichte im Jahre 1081. Nun ist der Film angelaufen und feierte in Ranjos seine Premiere. Ab dem 28. September wird er dann auch hierzulande zu sehen sein.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt wenige Wochen vor der Ermordung Enczegovijas und wird aus mehreren Perspektiven erz\u00e4hlt. Die eine Handlung ist die um den zugereisten Kaufmann Jacobus Schmidt, die andere begleitet Carl von der Regi\u00e8me und Berthold von Hirschbach. Schmidt dient dabei als Lupe auf die grassierende Armut in Wiesenhausen, ausgel\u00f6st durch eine Kriegswirtschaft und eine chronische Unterversorgung der Bev\u00f6lkerung. Mit Carl von der Regi\u00e8me und Berthold von Hirschbach zeigt Cronberg die Entwicklungen, die letztlich das erfolgreiche Attentat auf den Diktator zur Folge hatten.<\/p>\n<p>\u201eDas Himmelreich\u201c dauert 204 Minuten, ist ab 12 Jahren freigegeben und ist einer der wenigen echten Autorenfilme dieses Jahres. Cronberg kehrt damit zu dem zur\u00fcck, was er zuletzt bei der MMS-Reihe erfolgreich durchgef\u00fchrt hat, n\u00e4mlich Drehbuch und Regie in Doppelfunktion auszu\u00fcben. Und ja, es ist gegl\u00fcckt. Cronberg l\u00e4sst seinen schlechten letzten Film vergessen und liefert mit \u201eDas Himmelreich\u201c wieder episches Kino. Fantastisch dabei ist besonders seine Kamera (Richard Wildeshausen), die immer wieder ganz nah an die Gesichter der Protagonisten heranf\u00e4hrt und kleinste Schwei\u00dfperlen einf\u00e4ngt. Die Schwenke durch das winterliche, Mittelalter-Wiesenhausen sind wohlwollend eingesetzt und lassen h\u00f6chstens erahnen, was aus dieser Stadt einmal werden w\u00fcrde. Die Fahrten um den Tisch des Rats sind ebenfalls exzellent, zeigen sie doch niemals alle Anwesenden zusammen im Bild. Die Geschichte ist wohl bekannt und doch schafft es Cronberg, sie neu zu erz\u00e4hlen. Er zeigt den Einfallsreichtum und die Risikobereitschaft der B\u00fcrger, sich entgegen der aufgestellten Regeln immer noch \u00fcber Wasser zu halten. Die Storyline, die den Weg zum Sturz des Diktators zeigt, gibt sich bis auf die handelnden Figuren lange nicht als solche zu erkennen. Sie zeigt vielmehr die Schicksale und die Machtlosigkeit auch vermeintlich einflussreicher Personen. Die Musik von Mirco Magiaro ist sp\u00e4rlich, aber kraftvoll eingesetzt, ist jedoch hin und wieder nicht ideal in die Handlung eingebettet. Anders ist dies jedoch in den entscheidenden Momenten des Films, in denen sie sich mit der Handlung in jeder Sekunde abgestimmt anf\u00fchlt. Der Ton ist \u00e4hnlich wie in der MMS-Reihe sehr laut gedreht, die Gespr\u00e4che der Personen wirken passend zur Kameraarbeit wie direkt am eigenen Ohr gesprochen.<\/p>\n<p>\u201eDas Himmelreich\u201c kommt dabei (fast) ohne Heldenpathos aus. Ohnehin wirft Cronberg die Frage auf, ob es in dieser Geschichte \u00fcberhaupt wirkliche Helden gibt. Gemeinhin gelten die Verschw\u00f6rer um Carl von der Regi\u00e8me und die zuvor hingerichteten Ferdinand Fuchs und Graf Roman von Wiesenbach als Wiesenhausener Volkshelden, doch Cronberg verzichtet auf derlei \u00dcberzeichnungen. Entscheidend ist beispielsweise, wann Fuchs und von Wiesenbach zum Aufstand ausrufen. Nicht in den ganzen Aufst\u00e4nden zuvor, die in der Einstiegsszene auf dem Ysen noch anschaulich erw\u00e4hnt werden, sondern erst als es zu einem Ereignis kommt, das einen der beiden selbst eng betrifft. Der vermeintliche Heldenmut wird hier als emotionale Kurzschlussreaktion und weniger als altruistischer Akt gezeigt. Cronberg gelingt hier der Spagat zwischen der Erz\u00e4hlung eines Wiesenhausener Gr\u00fcndungsmythos\u2018 und der filmischen Rezeption einer unterdr\u00fcckten Gesellschaft. Gleiches gilt f\u00fcr die Verschw\u00f6rung gegen Enczegovija. Sie wird geplant, nachdem die Hinrichtungen an zwei \u00f6ffentlichen Sympathietr\u00e4gern durchgef\u00fchrt worden sind. Nicht, nachdem es zuvor 400 Tote bei den Aufst\u00e4nden gab. Cronberg hatte zuvor in Interviews betont, er wolle nichts \u201everkl\u00e4ren\u201c. Jetzt wissen wir, was er damit meinte. \u201eDas Himmelreich\u201c ist somit keine Heldenreise. Es ist vielmehr eine Machtstudie.<\/p>\n<p>Ein bisschen pathetisch wird es schlie\u00dflich doch, als K\u00f6nig Johannes I. inthronisiert wird. Cronberg vermag es hier nicht, die Legende vom \u201eguten Herrscher\u201c zu entlarven, was man ihm aus historischen Gr\u00fcnden verzeihen mag. Er versucht dem jedoch in Person von Pfarrer Ingbert Igel und dessen Worten entgegenzusteuern, der Versuch versandet jedoch angesichts der anschlie\u00dfenden Geschehnisse. Zugutehalten darf man ihm, dass auch Machtverzicht gezeigt wird, als es um eine ad\u00e4quate Nachfolge f\u00fcr Enczegovija geht. Dennoch muss man die neue \u201eFreiheit\u201c auch als das betrachten, was es ist. Nicht vergleichbar mit dem neuzeitlichen Freiheitsbegriff.<\/p>\n<p>Ein viel gr\u00f6\u00dferes Thema des Films ist Religion. Nicht nur kommen zwei Pastoren mit ihren jeweils eigenen Arbeitsethiken vor, nicht nur l\u00e4uten Kirchenglocken nach Enczegovijas Tod, nicht nur hei\u00dft der Film \u201eDas Himmelreich\u201c. Cronberg zeigt den Missbrauch von Religion durch Politik, Ideologie und Kirche. Dass auch Enczegovija sich als eine Art Gott inszeniert und inszenieren l\u00e4sst, ist kein Zufall. Weniger pervertiert der Diktator den Religionsbegriff, vielmehr zeigt Cronberg, wie inh\u00e4rent unterdr\u00fcckerisch Religion im Allgemeinen ist. \u201eDas Himmelreich\u201c definiert n\u00e4mlich jeder nach seiner Fasson, genauso wie jede religi\u00f6se Bewegung ihre heiligen Schriften stets individuell interpretiert. Opfergaben bilden ein zentrales Motiv und kommen fortw\u00e4hrend vor. Ob im Wald als eine Art Tribut an die Drachen, ob als Zwangseinberufung, ob als M\u00e4rtyrertod oder als Ausl\u00f6schung einer unw\u00fcrdigen Menschenform zum Zwecke einer \u201ereineren\u201c Welt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wartet auch dieser Cronberg-Film wieder mit Starbesetzung auf. Am meisten war auf Frank Busch als Enczegovija gewartet worden, der jedoch erst nach \u00fcber einer Stunde auftritt. Cronberg spielt hier viel mit Antizipation und Busch spielt den Diktator vor allem unangenehm. Er ist Zyniker und Ideologe gleichzeitig, tr\u00e4umt von einer Art Transhumanismus und will diesen auf eine darwinistische Weise erreichen. Besonders eindr\u00fccklich ist eine Szene mit Carl von der Regi\u00e8me, in der gezeigt wird, wie Enczegovija Leute f\u00fcr sich vereinnehmen kann. Trotzdem kommt Frank Busch auf eine Screentime von nicht mal 15 Minuten, die Geschichte geh\u00f6rt anderen. Jacobus Schmidt zum Beispiel, mit dem Cronberg noch eine weitere Schl\u00fcsselfigur etabliert. Carl Eckersly, der in \u201eCremissimo\u201c noch eine tragische Rolle verk\u00f6rperte, agiert hier zur\u00fcckhaltend im Schauspiel, fast schon unscheinbar. Das ist zun\u00e4chst der Rolle angepasst, sp\u00e4ter jedoch w\u00fcrde man sich ein bisschen mehr Gravitas w\u00fcnschen. Zudem will auch das vorherige Verhalten nach dem gro\u00dfen Twist nicht so recht ins Gesamtbild passen. Gary Hastings als Carl von der Regi\u00e8me verleiht seiner Figur etwas mehr Facetten, er ist melancholisch und gebrochen vom Tod seiner Frau und findet angesichts des Terrors wieder zu seiner Kampfeslust zur\u00fcck. Stark ist Hastings, wenn er von der Regi\u00e8me w\u00fctend spielt, eher unterk\u00fchlt wird sein Schauspiel jedoch bei den Zwiegespr\u00e4chen am Grab seiner Frau. Ohnehin ist das vielleicht Cronbergs Hauptproblem in seiner Regiekarriere. In \u201eCremissimo\u201c hat er zwar bewiesen, dass er Emotionen wie Schock, Angst und \u00dcberlebenswillen sehr gut inszenieren kann. Dass er aber auch Trauer, Liebe und Sehns\u00fcchte glaubhaft abbilden kann, muss er erst noch beweisen. Auch nach \u201eDas Himmelreich\u201c muss er dies noch. Wesentlich leidenschaftlicher spielt Goran Rikalo seinen Ferdinand Fuchs. Auch Timo Roth als Doran Dachs f\u00e4llt auf, er spielt den Opportunisten geradezu eklig und verleiht dieser Nebenfigur einen bleibenden Eindruck. Joshua W\u00fcstenfeld als Berthold von Hirschbach ist ebenfalls glaubhaft, seine Wandlung im letzten Drittel des Films ist schauspielerisch sehr gut umgesetzt. Gregor Tomasson als Melczek Hanitas ist ein brutaler Schreibtischt\u00e4ter, der allerdings kaum aus der Rolle als Enczegovijas Handlanger hervortritt. Felix Blockow spielt Theobald von der Tagel zerstreut und durchsetzungsschwach, auch hier fehlt im Schauspiel jedoch das gewisse Etwas. Blockows Auftritte sind meistens von Komik gepr\u00e4gt, wenn er mit Schneeb\u00e4llen beworfen wird, dass er dann als mutiger Reiter Roscan Behring (wenig Screentime, aber stark: Jens Harenburg) durch die Nacht verfolgt, ist eine kaum nachvollziehbare Charakterwandlung. Hier h\u00e4tte zuvor neben \u00dcberforderung auch ein gewisser Frust dem Schauspiel gutgetan. Bleibt noch Starschauspieler Niklas Hornby zu erw\u00e4hnen, dieser hat sich f\u00fcr eine kleine Rolle hergegeben und bleibt in dieser nicht sonderlich im Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Lobend hervorzuheben ist das Drehbuch. Viele Puzzlest\u00fccke f\u00fcgen sich klug ineinander, und die verschiedenen Zeitebenen, mit denen Cronberg spielt, verfehlen ihre Wirkung nicht. Besonders einige \u00fcbereinander gelagerte Szenen bleiben in Erinnerung, ohne auf billige Schockeffekte zur\u00fcckzugreifen. Der Twist gegen Ende des Films kann jedoch mit ein bisschen Kenntnis lokaler Geschichte weit im Voraus erraten werden. Das richtete sich dann wohl auch vorwiegend an das ausl\u00e4ndische Publikum, das nicht ganz so firm in Wiesenhausener Geschichte sein d\u00fcrfte. Eine Schwachstelle sind jedoch die vielen Figuren. Allein bei den Grafen kommt man bereits durcheinander, die weiteren Protagonisten erschweren eine ausgefeilte Charakterzeichnung umso mehr, da sie oft nur Randfiguren bleiben. So ist auch ein Todesfall gegen Mitte des Films f\u00fcr den Zuschauer nicht wirklich emotional, weil das Opfer vorher lediglich zwei S\u00e4tze sprechen durfte. Die Musik von Mirco Magiaro untermalt das Ganze zwar tragisch und herzzerrei\u00dfend, der Effekt will sich jedoch nicht so richtig einstellen. Der Filmsong kommt nicht von Magiaro, sondern von Dolens Aoule. Dieser singt im Abspann auf Alt-Wiesenhausisch, dessen Akzent er sich vorher in monatelangen Sprach\u00fcbungen drauf schaffte. \u00dcbersetzt ergibt dies eine klar erkennbare Hymne an K\u00f6nig Johannes I. und seinen Werdegang. Vermutlich der beste Filmsong in einem Cronberg-Film bisher, weil er auch das Religionsmotiv und die Heiligenverehrung wieder thematisiert. Das Szenenbild ist derweil atemberaubend. Die Ger\u00e4uschkulissen sind sehr eindringlich, allein die Eingangsszene auf dem Ysen verdient einen Platz im Filmmuseum. Die Kost\u00fcme sind zeitgem\u00e4\u00df, viele Historiker waren am Set zugegen und so konnte die Kleidung je nach Stand sehr detailgetreu nachgebildet werden. Hier zeigte sich Brigitte Rosengard verantwortlich, eine Goldene-L\u00f6wen-Nominierung ist definitiv angebracht.<\/p>\n<p>\u201eCremissimo\u201c hat Filmgeschichte geschrieben und daran wird sich Archibald Cronberg bis an sein Karriereende immer messen lassen m\u00fcssen. Ob \u201eDas Himmelreich\u201c auch so in die Annalen eingeht, ist eher unwahrscheinlich und dennoch sieht der Zuschauer hier knapp dreieinhalb Stunden gro\u00dfes Kino. Es ist ohne jede Frage die beste filmische Umsetzung dieses Themas bisher und damit Gradmesser f\u00fcr alles, was danach \u00fcber das Thema Enczegovija erscheinen wird. Cronbergs R\u00fcckkehr zum Autorenfilmer ist eine gute Nachricht, auch wenn er als Drehbuchautor diesmal bessere Arbeit geleistet hat als als Regisseur. \u201eDas Himmelreich\u201c ist somit ein Muss auf der gro\u00dfen Leinwand. Kinematographisch und handwerklich bekommt man allerh\u00f6chstes Niveau geboten, schauspielerisch f\u00e4llt das Niveau jedoch etwas ab. So landet unsere Bewertung am Ende bei <span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>8 von 10 Punkten.<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist keine Heldenreise: Cronbergs &#8222;Das Himmelreich&#8220; Vier Jahre nach dem von der Kritik gescholtenen \u201eDer Kommissar und das Ungeheuer\u201c hat Starregisseur Archibald Cronberg seinen neuesten Film in die Kinos gebracht. Und besonders in Meadowhouse wurde dieses Werk mit gro\u00dfer Anspannung erwartet. \u201eDas Himmelreich\u201c behandelt den Sturz Enczegovijas und dessen Vorgeschichte im Jahre 1081. Nun ist der Film angelaufen und feierte in Ranjos seine Premiere. Ab dem 28. September wird er dann auch hierzulande zu sehen sein. Die Geschichte beginnt wenige Wochen vor der Ermordung Enczegovijas und wird aus mehreren Perspektiven erz\u00e4hlt. Die eine Handlung ist die um den zugereisten Kaufmann Jacobus Schmidt, die andere begleitet Carl von der Regi\u00e8me <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/wiesenhausen.de\/?page_id=331\">Continue Reading \u2192<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-331","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=331"}],"version-history":[{"count":73,"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29228,"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/331\/revisions\/29228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wiesenhausen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}