Auftakt ins Wahljahr: Kandidaten für die Königsvorwahlen bekannt gegeben
Mit dem heutigen Tage darf das Wahljahr 1826 offiziell als eröffnet gelten. Nach dem Ende der Nominierungszeit am vergangenen Freitag und der Auswertung über das Wochenende, verkündete der königliche Sekretär und Reichswahlleiter Heinrich Petersen heute auf Schloss Wiesenhausen die Kandidaten für die Königsvorwahlen im Mai und Juni diesen Jahres. Voraussetzung für eine Zulassung als Kandidat war wie immer die Unterstützung entweder einer im Saal der Gespenster oder auf Herzogtumsebene im Parlament vertretenen Partei oder von 500.000 meadowhousischen Bürgern. Insgesamt sechs Kandidaten konnten die genannten Kriterien erfüllen und werden sich somit ab dem 10. Mai, wenn die Vorwahlen im Herzogtum Preußen beginnen, darum messen, wer im Herbst gegen König Ezechiel I. in der Hauptwahl antreten darf. Beim Blick auf das Kandidatenfeld fällt auf, dass es, im Gegensatz zu vor vier Jahren, politisch sehr divers ist. Je nachdem, wer am Ende der Kandidat für die Königswahl wird, könnte er (oder sie) König Ezechiel von politisch linker oder rechter Seite versuchen anzugreifen. Zum ersten Mal sind auch zwei Frauen im Kandidatenfeld vertreten und erneut sind vier Kandidaten aktive Mitglieder von Parteien, zwei dagegen parteilos, können aber durchaus mit Parteien in Verbindung gebracht werden.
Elena Weinandt (FED):
Mit der Nominierung der früheren FED-Vorsitzenden war bereits gerechnet worden. Schon Anfang des Jahres hatte der heutige FED-Chef Lobenbach explizit in Aussicht gestellt, dass seine Partei einen eigenen Kandidaten werde aufstellen wollen. Angesichts der mangelnden Bekanntheit vieler FED-Funktionäre auf Reichsebene und Lobenbachs eigenem Verzicht, war die Wahl von Weinandt fast schon die logische Konsequenz. Für sie ist es nach fast vier Jahren das Comeback auf der großen politischen Bühne. 1822 hatte sie für die FED das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte eingefahren, war jedoch recht deutlich hinter den prognostizierten Ergebnissen zurückgeblieben, was letztlich zwar zur drittstärksten Kraft reichte, jedoch nicht für eine Regierungsbeteiligung. Nun möchte Weinandt, die sich in der FED dem linken Flügel zuordnen lässt, König Ezechiel aus eben jener Richtung attackieren. Die 48-jährige Santo Opalerin setzt dabei insbesondere auf eine Erhöhung von Steuern für Besserverdiener, etwa der Gesellschaftssteuer und einer Ausweitung der Kapitalvermögenssteuer, um das Geld etwa in Bildung, Infrastruktur und das Gesundheitssystem zu investieren. Außenpolitisch befürwortet sie ein schnelles Zustandekommen der Titanien-Union, jedoch unter klaren Schutzvorschriften für Arbeitnehmer, die heimische Industrie und die Landwirtschaft. Vor dem Eintritt Meadowhouse‘ in eine TU soll es demnach einen Volksentscheid geben, der darüber befindet. Für Weinandt wird es im Wahlkampf insbesondere darauf ankommen, das politisch linke Lager zu einen. Dies betrifft ihre eigene Partei, in welcher etwa der südsträndische Herzog Farnmann den moderateren FED-Flügel vertritt, aber auch die Wählerschaft von MP, sowie außerparlamentarischer Parteien wie der MSP oder der VPM. Gelingt es Weinandt, einen ausreichenden Teil hinter sich zu bringen, und in den traditionell weder eindeutig konservativ noch eindeutig progressiv ausgerichteten Herzogtümern Santo Opalo und Wiesenhausen an die Wahlurnen zu motivieren, hat ihre Kandidatur gute Aussichten.
Anna Bertels (MP):
Die Fraktionsvorsitzende der MP im Herzogenrat von San Laven ist bei den Vorwahlen wohl die Hauptkonkurrentin von Weinandt um Stimmen aus dem linken Lager. Die 45-jährige gebürtige Südstränderin wurde von ihrer Partei, die auf Reichsebene wohl um den Wiedereinzug in den Saal der Gespenster bangen muss, mit breiter Mehrheit nominiert. Hintergrund war vor allem Bertels‘ hervorragendes Ergebnis bei der Herzogenwahl in Südstrand 1822, als sie mit 14,2% das beste Resultat ihrer Partei auf Herzogtumsebene überhaupt holte. Trotz dieses Ergebnisses wurde es am Ende nichts mit einer Regierungsbeteiligung, weil sich der neue Herzog Christoph Farnmann lieber mit BdH und MCM zu einer in dieser Art einzigartigen Koalition verständigte. Dies führte innerhalb der MP vorübergehend zu harscher Kritik an Bertels, die dem in der Partei inzwischen schwächeren Fundi-Flügel angehört. Trotz alledem konnte sie ihre Position behaupten und ist seit vier Jahren Oppositionsführerin im San Laver Herzogenrat, wo sie sich insbesondere für klassische Themen wie Naturschutz, Ökologie und soziale Belange einsetzt. Innerparteilich gilt sie als Rivalin von Parteichef Schubert, der mit ihrer Kandidatur sicherlich auch die eigene Position für die Reichstagswahlen absichern will. Inhaltlich würde Bertels als Königin sich vor allem für eine Ausweitung von Naturschutzgebieten in der Westparadiesischen Bucht und in den Gebirgen aussprechen, sowie für erhöhte Umweltabgaben zur Finanzierung staatlicher Leistungen. Außenpolitisch begrüßt sie eine Titanien-Union, jedoch nur unter starker Einbeziehung ökologischer Standards, die titanienweit gelten sollen. Für Bertels wird es insbesondere darauf ankommen, ihre Bekanntheit zu stärken. Außerhalb von Südstrand ist sie kaum jemandem ein Begriff und ihre bisher eher vagen Formulierungen zu Wirtschafts- und Finanzthemen müssen bis zum Beginn der Vorwahlen sicherlich auch noch geschärft werden. Unterstützung dürfte sie sowohl von Wählern der eigenen Partei, darüber hinaus aber auch von Teilen der FED und der MSP bekommen.
Franz Gillisch (MCM):
Auch hier wird ein altbekannter Name von seiner Partei noch einmal reaktiviert: Der 61-jährige Gillisch, der von 1814 bis 1818 Justizminister im Kabinett Schwalbenschwanz I war, wurde von seiner Partei etwas überraschend für den Königsvorwahlkampf nominiert. Nicht wenige Experten hatten damit gerechnet, dass die MCM überhaupt keinen Kandidaten gegen König Ezechiel I. ins Rennen schicken wollen würde, da dieser wesentliche Teile des eigenen Parteiprogramms ohnehin vertritt. Die Kandidatur des gebürtigen Saphirenters ist daher wohl in einem anderen Licht zu sehen: Nachdem die MCM sich in den vergangenen Jahren intern heftige Auseinandersetzungen zwischen dem klassisch-konservativen und dem nationalkonservativen Flügel geleistet hatte, was MCM-Chef Knucker beinahe das Amt gekostet hätte und die MCM vorübergehend sogar gefährlich nah an die 3%-Marke rutschen ließ, will sich die Partei nun in der politischen Landschaft des Königreichs wieder Gehör verschaffen. Nach dem Rauswurf zentraler Figuren des nationalkonservativen, teils völkischen, Flügels, scheint Ruhe in der Partei eingekehrt zu sein und Gillisch soll die nun offizielle Programmatik prominent in den Königsvorwahlkampf tragen. Durch die Platzierung erhofft sich die Partei somit bessere Chancen für den Reichstagswahlkampf. Inhaltlich steht Gillisch für klassische konservative Themen: Die eingeführte Kapitalvermögenssteuer etwa soll abgeschafft werden, der Sicherheitsetat aufgestockt und die Wirtschaft entlastet werden. Darüber hinaus sollen die Kompetenzen des Reichsrates noch einmal geprüft und eventuell eingeschränkt werden. Einer Titanien-Union steht Gillisch positiv gegenüber und pocht insbesondere auf die wirtschaftlichen Aspekte eines solchen Bündnisses. Allerdings spricht er sich auch klar für einen Volksentscheid vor dem Beitritt aus. Für ihn wird es neben den konservativen Hochburgen im Norden des Königreichs insbesondere darum gehen, sich klar von König Ezechiel abzugrenzen, ohne dabei jedoch die Koalitionsfähigkeit seiner Partei auf Reichsebene zu gefährden. Ein schwieriger Spagat. Ob ihm das gelingt, oder ob er tatsächlich nur die MCM-Programmatik frühzeitig im Wahljahr prominent machen kann, werden die Wähler ab Mai zeigen.
Lorenz Sonnholm (parteilos):
Auch hier kehrt ein ehemaliger Minister zurück ins politische Rampenlicht. Der 56-jährige gebürtige Preuße und Ex-WVD-Mitglied Sonnholm war einst Kabinettskollege von Gillisch zwischen 1814 und 1818 und damals für das Entwicklungsressort zuständig. Im Vorfeld der Wahlen 1818 überwarf er sich dann in einem Machtkampf mit dem damaligen WVD-Chef Basilisk, woraufhin er nach der Wahl keinen Kabinettsposten erhielt. Nach einer Legislaturperiode auf den hinteren Bänken des Saals der Gespenster schied er 1822 schließlich aus der Politik aus. Anschließend ging er in die Wirtschaft und arbeitete unter anderem im Vorstand des Bauunternehmens BUJSK und der Mittelstandvereinigung VMM. Anfang 1825 meldete er sich dann sporadisch wieder mit politischen Beiträgen über die sozialen Medien und gewann über das Jahr hinweg erhöhte Aufmerksamkeit. Seine Nominierung hat er wohl insbesondere dieser neu gewonnenen Prominenz zu verdanken. Während über sein offizielles Wahlprogramm noch wenig bekannt ist, lässt sich aus seinen Äußerungen durchaus ablesen, welche programmatischen Punkte er vertreten könnte. So kritisierte er die Politik der Regierung in Bezug auf den MeadowPlan deutlich, verlangte eine sofortige Abschaffung von Gesellschafts-, Kapitalvermögens- und Erbschaftssteuer, sowie von einigen Ministerien, die er demnach zusammenlegen will. Gesundheitssystem und Infrastruktur will er für Investitionsanreize privatisieren und Umweltauflagen absenken. Darüber hinaus stehen weitere Kürzungen im Bereich Familien- und Kulturförderung zu Buche, zu denen er sich geäußert hat. Einer Titanien-Union steht er nur bei vollkommen freiem Handel positiv gegenüber, eine übergeordnete supranationale Institution lehnt er klar ab und will stattdessen einzelne Freihandelsabkommen schließen. Es ist genau der liberal-libertäre Kurs, der ihn 1818 mit großen Teilen der WVD-Führung kollidieren ließ. Inwieweit Sonnholm seine recht beachtliche Online-Anhängerschaft auch an die Wahlurnen wird mobilisieren können, ist bei ihm die ausschlaggebende Frage. Inhaltlich gibt es nur wenige Überschneidungen mit anderen Kandidaten, weshalb er sich in seinem politischen Bereich mit niemandem um Wählerstimmen streiten muss. Will er realistische Chancen auf die Kandidatur im Herbst haben, wird er jedoch nicht umhin kommen, auch klassisch-liberale und konservative Kräfte anzusprechen, was seine Kommunikation entschärfen und bei seinem Stammklientel schlecht ankommen könnte.
Heinz Drachenberg (parteilos):
Der ehemalige MCM-Generalsekretär Drachenberg ist ebenfalls ein vor allem durch politische Provokation gegen die eigene Parteiführung im Gedächtnis gebliebener Kandidat. Der 65-jährige Wiesenhausener übernahm das Amt seinerzeit nach der Wahlniederlage der MCM 1818 und übte es bis 1823 aus. Im Vorfeld der Wahlen 1822 schickte er sich an, die Parteiführung zu übernehmen und stellte sich offen gegen Parteichef Knucker. In einer denkbar knappen Wahl gewann Knucker und behielt auch nach den Reichstagswahlen, die mit dem gemäßigteren Kurs Knuckers besser ausfielen als erwartet, die Oberhand. Drachenberg versuchte es daraufhin 1823 auf einem Parteitag in Rubinburgh noch einmal, Knucker abzulösen und verstieg sich im Vorhinein der innerparteilichen Wahl in völkische und rechtsnationale Äußerungen. Der darauffolgende wochenlange Eklat in den Medien überschattete die parteilichen Aktivitäten der MCM komplett und führten fast zum Kollaps der Partei. Schließlich einigte sich der Vorstand nach dem Parteitag auf eine Ablösung Drachenbergs und auf einen Parteiausschluss von eben jenem. In der Folge verließen etwa 15% der Mitglieder die MCM, die Drachenbergs Kurs guthießen und unterstützten. Nachdem es einige Zeit ruhig um ihn gewesen und seine politische Karriere so gut wie beendet war, tauchte er Ende 1824 wieder auf, als die Einigung in Sachen Titanien-Union allmählich auf den Weg gebracht wurde. Inhaltlich ist dies auch sein politischer Hauptpunkt. Er lehnt die TU, ganz gleich in welcher Form, ab und warnt vor einer „Fremdbeherrschung“ Meadowhouse‘ durch eine internationale, nicht gewählte Elite. Diese habe es sich zum Ziel gemacht, die meadowhousische Kultur langfristig abzuschaffen, da diese zu erfolgreich und eine Bedrohung für die Liebe Welt sei. Wirtschaftspolitisch vertritt er eine isolationistische Haltung, will etwa Zölle gegenüber sämtlichen Handelspartnern einführen, ist gegen eine weiterführende Verständigung mit Grünland, sondern fordert von diesem Reparationen wegen der entstandenen Schäden im Winterkrieg 1809 und in der Weltschlacht 1812. Darüber hinaus ist er für eine starke Einschränkung der Befugnisse der Sicherheitsorgane und des MD in Bezug auf die Beobachtung verfassungsfeindlicher Aktivitäten. Seit seinem Ausscheiden aus der MCM hat er sich damit weiter radikalisiert. Inwiefern er reale Chancen hat, ist anzuzweifeln. Abgesehen von einer kleinen loyalen Anhängerschaft, die immer wieder auf die Straße geht, so zuletzt etwa im Oktober im Zuge der Unterzeichnung der „Rubinburgher Verträge“ als Vorboten der TU, und Demonstrationen gegen Überfremdung, Fremdherrschaft und Demokratieverlust organisiert, scheint es kein großes Wählerpotential für ihn zu geben.
Korbinian Käferberg (FMP):
Erstmals wird mit dem 47-jährigen Käferberg ein Mitglied der „Freien Meadowhousischen Partei“ nominiert. Der Zeitpunkt der Nominierung des gebürtigen El Granders ist allerdings kein Zufall. Der FMP, die bereits vor vier Jahren nur knapp an der 3%-Hürde scheiterte, werden in diesem Jahr gute Chancen ausgerechnet, zum ersten Mal in den Saal der Gespenster einzuziehen. Die nun gelungene und erfolgte Nominierung Käferbergs ist dabei ein weiterer Schritt der Partei ins politische Bewusstsein des Landes. Käferberg, der die Partei 1812 mitgegründet hatte, ist Vize-Parteichef und gilt als Stratege der Liberalen. Inhaltlich stellt er sich sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich klassisch liberal dar. Wirtschaftspolitisch kritisierte er zuletzt die Einführung der Kapitalvermögenssteuer, räumte jedoch ein, dass diese dann in Ordnung sei, wenn zugleich die erfolgten Steuersenkungen effektive Entlastungen der Unternehmen mit sich brächten. Darüber hinaus ist er für eine weitestgehende Abschaffung von Subventionen und für eine Stärkung des Kartell- und Wettbewerbsrechts. Er lehnt ausgeweitete Investitionen in Polizei und Geheimdienste ab, sofern sie nicht verfassungsrelevante Aspekte betreffen, und möchte die Bürokratie im Staat im Zaum halten. Außenpolitisch ist er klarer Unterstützer einer Titanien-Union, fordert allerdings ebenfalls einen Volksentscheid vor einem endgültigen Beitritt Meadowhouse‘. Seine Unterstützer kann Käferberg dabei insbesondere aus den klassisch liberalen Wählerschaften von WVD, VCS, MCM und auch BdH gewinnen, sodass er auf eine breite Koalition aus potentiellen Wählern bauen kann. Fraglich ist jedoch einerseits, ob er mit der liberalen Ausrichtung in den einzelnen Herzogtümern genug Menschen erreicht unter denjenigen, die sonst eher konservativ oder eher progressiv wählen, und ob seine Kandidatur auch die älteren Wähler überzeugen kann. Seine Unterstützer und auch die Anhänger seiner Partei sind verglichen mit den anderen Parteien die jüngsten.
Insgesamt haben die Wähler bei den diesjährigen Königsvorwahlen damit eine breite Palette unterschiedlichster Kandidaten und Kandidatinnen zur Auswahl. Die sechs heute gekürten Kandidaten gehen nach der Osterpause unmittelbar in den Wahlkampf und haben dann etwa sechs Wochen, um die Menschen von ihren jeweiligen politischen Ansätzen zu überzeugen. Sicher ist jedoch jetzt schon: Wer auch immer im Herbst gegen König Ezechiel I. wird antreten dürfen, könnte es durchaus schwer haben. Laut letzten Erhebungen rangieren die Beliebtheitswerte des amtierenden König konstant zwischen 60% und 70%. Zusammen mit der Unterstützung, die Ezechiel von der Regierungskoalition aus BdH und VCS sowie der oppositionellen WVD erhält, wird es ganz gleich für welchen Kandidaten eine große Herausforderung. Dennoch sollte die Königsvorwahl auch als erster Stimmungstest für die Reichstagswahl nicht unterschätzt werden und könnte auf diese Weise zumindest die Regierungsbildung im Saal der Gespenster indirekt beeinflussen.
