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Dies ist keine Heldenreise: Cronbergs „Das Himmelreich“

Vier Jahre nach dem von der Kritik gescholtenen „Der Kommissar und das Ungeheuer“ hat Starregisseur Archibald Cronberg seinen neuesten Film in die Kinos gebracht. Und besonders in Meadowhouse wurde dieses Werk mit großer Anspannung erwartet. „Das Himmelreich“ behandelt den Sturz Enczegovijas und dessen Vorgeschichte im Jahre 1081. Nun ist der Film angelaufen und feierte in Ranjos seine Premiere. Ab dem 28. September wird er dann auch hierzulande zu sehen sein.

Die Geschichte beginnt wenige Wochen vor der Ermordung Enczegovijas und wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Die eine Handlung ist die um den zugereisten Kaufmann Jacobus Schmidt, die andere begleitet Carl von der Regième und Berthold von Hirschbach. Schmidt dient dabei als Lupe auf die grassierende Armut in Wiesenhausen, ausgelöst durch eine Kriegswirtschaft und eine chronische Unterversorgung der Bevölkerung. Mit Carl von der Regième und Berthold von Hirschbach zeigt Cronberg die Entwicklungen, die letztlich das erfolgreiche Attentat auf den Diktator zur Folge hatten.

„Das Himmelreich“ dauert 204 Minuten, ist ab 12 Jahren freigegeben und ist einer der wenigen echten Autorenfilme dieses Jahres. Cronberg kehrt damit zu dem zurück, was er zuletzt bei der MMS-Reihe erfolgreich durchgeführt hat, nämlich Drehbuch und Regie in Doppelfunktion auszuüben. Und ja, es ist geglückt. Cronberg lässt seinen schlechten letzten Film vergessen und liefert mit „Das Himmelreich“ wieder episches Kino. Fantastisch dabei ist besonders seine Kamera (Richard Wildeshausen), die immer wieder ganz nah an die Gesichter der Protagonisten heranfährt und kleinste Schweißperlen einfängt. Die Schwenke durch das winterliche, Mittelalter-Wiesenhausen sind wohlwollend eingesetzt und lassen höchstens erahnen, was aus dieser Stadt einmal werden würde. Die Fahrten um den Tisch des Rats sind ebenfalls exzellent, zeigen sie doch niemals alle Anwesenden zusammen im Bild. Die Geschichte ist wohl bekannt und doch schafft es Cronberg, sie neu zu erzählen. Er zeigt den Einfallsreichtum und die Risikobereitschaft der Bürger, sich entgegen der aufgestellten Regeln immer noch über Wasser zu halten. Die Storyline, die den Weg zum Sturz des Diktators zeigt, gibt sich bis auf die handelnden Figuren lange nicht als solche zu erkennen. Sie zeigt vielmehr die Schicksale und die Machtlosigkeit auch vermeintlich einflussreicher Personen. Die Musik von Mirco Magiaro ist spärlich, aber kraftvoll eingesetzt, ist jedoch hin und wieder nicht ideal in die Handlung eingebettet. Anders ist dies jedoch in den entscheidenden Momenten des Films, in denen sie sich mit der Handlung in jeder Sekunde abgestimmt anfühlt. Der Ton ist ähnlich wie in der MMS-Reihe sehr laut gedreht, die Gespräche der Personen wirken passend zur Kameraarbeit wie direkt am eigenen Ohr gesprochen.

„Das Himmelreich“ kommt dabei (fast) ohne Heldenpathos aus. Ohnehin wirft Cronberg die Frage auf, ob es in dieser Geschichte überhaupt wirkliche Helden gibt. Gemeinhin gelten die Verschwörer um Carl von der Regième und die zuvor hingerichteten Ferdinand Fuchs und Graf Roman von Wiesenbach als Wiesenhausener Volkshelden, doch Cronberg verzichtet auf derlei Überzeichnungen. Entscheidend ist beispielsweise, wann Fuchs und von Wiesenbach zum Aufstand ausrufen. Nicht in den ganzen Aufständen zuvor, die in der Einstiegsszene auf dem Ysen noch anschaulich erwähnt werden, sondern erst als es zu einem Ereignis kommt, das einen der beiden selbst eng betrifft. Der vermeintliche Heldenmut wird hier als emotionale Kurzschlussreaktion und weniger als altruistischer Akt gezeigt. Cronberg gelingt hier der Spagat zwischen der Erzählung eines Wiesenhausener Gründungsmythos‘ und der filmischen Rezeption einer unterdrückten Gesellschaft. Gleiches gilt für die Verschwörung gegen Enczegovija. Sie wird geplant, nachdem die Hinrichtungen an zwei öffentlichen Sympathieträgern durchgeführt worden sind. Nicht, nachdem es zuvor 400 Tote bei den Aufständen gab. Cronberg hatte zuvor in Interviews betont, er wolle nichts „verklären“. Jetzt wissen wir, was er damit meinte. „Das Himmelreich“ ist somit keine Heldenreise. Es ist vielmehr eine Machtstudie.

Ein bisschen pathetisch wird es schließlich doch, als König Johannes I. inthronisiert wird. Cronberg vermag es hier nicht, die Legende vom „guten Herrscher“ zu entlarven, was man ihm aus historischen Gründen verzeihen mag. Er versucht dem jedoch in Person von Pfarrer Ingbert Igel und dessen Worten entgegenzusteuern, der Versuch versandet jedoch angesichts der anschließenden Geschehnisse. Zugutehalten darf man ihm, dass auch Machtverzicht gezeigt wird, als es um eine adäquate Nachfolge für Enczegovija geht. Dennoch muss man die neue „Freiheit“ auch als das betrachten, was es ist. Nicht vergleichbar mit dem neuzeitlichen Freiheitsbegriff.

Ein viel größeres Thema des Films ist Religion. Nicht nur kommen zwei Pastoren mit ihren jeweils eigenen Arbeitsethiken vor, nicht nur läuten Kirchenglocken nach Enczegovijas Tod, nicht nur heißt der Film „Das Himmelreich“. Cronberg zeigt den Missbrauch von Religion durch Politik, Ideologie und Kirche. Dass auch Enczegovija sich als eine Art Gott inszeniert und inszenieren lässt, ist kein Zufall. Weniger pervertiert der Diktator den Religionsbegriff, vielmehr zeigt Cronberg, wie inhärent unterdrückerisch Religion im Allgemeinen ist. „Das Himmelreich“ definiert nämlich jeder nach seiner Fasson, genauso wie jede religiöse Bewegung ihre heiligen Schriften stets individuell interpretiert. Opfergaben bilden ein zentrales Motiv und kommen fortwährend vor. Ob im Wald als eine Art Tribut an die Drachen, ob als Zwangseinberufung, ob als Märtyrertod oder als Auslöschung einer unwürdigen Menschenform zum Zwecke einer „reineren“ Welt.

Natürlich wartet auch dieser Cronberg-Film wieder mit Starbesetzung auf. Am meisten war auf Frank Busch als Enczegovija gewartet worden, der jedoch erst nach über einer Stunde auftritt. Cronberg spielt hier viel mit Antizipation und Busch spielt den Diktator vor allem unangenehm. Er ist Zyniker und Ideologe gleichzeitig, träumt von einer Art Transhumanismus und will diesen auf eine darwinistische Weise erreichen. Besonders eindrücklich ist eine Szene mit Carl von der Regième, in der gezeigt wird, wie Enczegovija Leute für sich vereinnehmen kann. Trotzdem kommt Frank Busch auf eine Screentime von nicht mal 15 Minuten, die Geschichte gehört anderen. Jacobus Schmidt zum Beispiel, mit dem Cronberg noch eine weitere Schlüsselfigur etabliert. Carl Eckersly, der in „Cremissimo“ noch eine tragische Rolle verkörperte, agiert hier zurückhaltend im Schauspiel, fast schon unscheinbar. Das ist zunächst der Rolle angepasst, später jedoch würde man sich ein bisschen mehr Gravitas wünschen. Zudem will auch das vorherige Verhalten nach dem großen Twist nicht so recht ins Gesamtbild passen. Gary Hastings als Carl von der Regième verleiht seiner Figur etwas mehr Facetten, er ist melancholisch und gebrochen vom Tod seiner Frau und findet angesichts des Terrors wieder zu seiner Kampfeslust zurück. Stark ist Hastings, wenn er von der Regième wütend spielt, eher unterkühlt wird sein Schauspiel jedoch bei den Zwiegesprächen am Grab seiner Frau. Ohnehin ist das vielleicht Cronbergs Hauptproblem in seiner Regiekarriere. In „Cremissimo“ hat er zwar bewiesen, dass er Emotionen wie Schock, Angst und Überlebenswillen sehr gut inszenieren kann. Dass er aber auch Trauer, Liebe und Sehnsüchte glaubhaft abbilden kann, muss er erst noch beweisen. Auch nach „Das Himmelreich“ muss er dies noch. Wesentlich leidenschaftlicher spielt Goran Rikalo seinen Ferdinand Fuchs. Auch Timo Roth als Doran Dachs fällt auf, er spielt den Opportunisten geradezu eklig und verleiht dieser Nebenfigur einen bleibenden Eindruck. Joshua Wüstenfeld als Berthold von Hirschbach ist ebenfalls glaubhaft, seine Wandlung im letzten Drittel des Films ist schauspielerisch sehr gut umgesetzt. Gregor Tomasson als Melczek Hanitas ist ein brutaler Schreibtischtäter, der allerdings kaum aus der Rolle als Enczegovijas Handlanger hervortritt. Felix Blockow spielt Theobald von der Tagel zerstreut und durchsetzungsschwach, auch hier fehlt im Schauspiel jedoch das gewisse Etwas. Blockows Auftritte sind meistens von Komik geprägt, wenn er mit Schneebällen beworfen wird, dass er dann als mutiger Reiter Roscan Behring (wenig Screentime, aber stark: Jens Harenburg) durch die Nacht verfolgt, ist eine kaum nachvollziehbare Charakterwandlung. Hier hätte zuvor neben Überforderung auch ein gewisser Frust dem Schauspiel gutgetan. Bleibt noch Starschauspieler Niklas Hornby zu erwähnen, dieser hat sich für eine kleine Rolle hergegeben und bleibt in dieser nicht sonderlich im Gedächtnis.

Lobend hervorzuheben ist das Drehbuch. Viele Puzzlestücke fügen sich klug ineinander, und die verschiedenen Zeitebenen, mit denen Cronberg spielt, verfehlen ihre Wirkung nicht. Besonders einige übereinander gelagerte Szenen bleiben in Erinnerung, ohne auf billige Schockeffekte zurückzugreifen. Der Twist gegen Ende des Films kann jedoch mit ein bisschen Kenntnis lokaler Geschichte weit im Voraus erraten werden. Das richtete sich dann wohl auch vorwiegend an das ausländische Publikum, das nicht ganz so firm in Wiesenhausener Geschichte sein dürfte. Eine Schwachstelle sind jedoch die vielen Figuren. Allein bei den Grafen kommt man bereits durcheinander, die weiteren Protagonisten erschweren eine ausgefeilte Charakterzeichnung umso mehr, da sie oft nur Randfiguren bleiben. So ist auch ein Todesfall gegen Mitte des Films für den Zuschauer nicht wirklich emotional, weil das Opfer vorher lediglich zwei Sätze sprechen durfte. Die Musik von Mirco Magiaro untermalt das Ganze zwar tragisch und herzzerreißend, der Effekt will sich jedoch nicht so richtig einstellen. Der Filmsong kommt nicht von Magiaro, sondern von Dolens Aoule. Dieser singt im Abspann auf Alt-Wiesenhausisch, dessen Akzent er sich vorher in monatelangen Sprachübungen drauf schaffte. Übersetzt ergibt dies eine klar erkennbare Hymne an König Johannes I. und seinen Werdegang. Vermutlich der beste Filmsong in einem Cronberg-Film bisher, weil er auch das Religionsmotiv und die Heiligenverehrung wieder thematisiert. Das Szenenbild ist derweil atemberaubend. Die Geräuschkulissen sind sehr eindringlich, allein die Eingangsszene auf dem Ysen verdient einen Platz im Filmmuseum. Die Kostüme sind zeitgemäß, viele Historiker waren am Set zugegen und so konnte die Kleidung je nach Stand sehr detailgetreu nachgebildet werden. Hier zeigte sich Brigitte Rosengard verantwortlich, eine Goldene-Löwen-Nominierung ist definitiv angebracht.

„Cremissimo“ hat Filmgeschichte geschrieben und daran wird sich Archibald Cronberg bis an sein Karriereende immer messen lassen müssen. Ob „Das Himmelreich“ auch so in die Annalen eingeht, ist eher unwahrscheinlich und dennoch sieht der Zuschauer hier knapp dreieinhalb Stunden großes Kino. Es ist ohne jede Frage die beste filmische Umsetzung dieses Themas bisher und damit Gradmesser für alles, was danach über das Thema Enczegovija erscheinen wird. Cronbergs Rückkehr zum Autorenfilmer ist eine gute Nachricht, auch wenn er als Drehbuchautor diesmal bessere Arbeit geleistet hat als als Regisseur. „Das Himmelreich“ ist somit ein Muss auf der großen Leinwand. Kinematographisch und handwerklich bekommt man allerhöchstes Niveau geboten, schauspielerisch fällt das Niveau jedoch etwas ab. So landet unsere Bewertung am Ende bei 8 von 10 Punkten.