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Krönung in der Glasburg: Paterson erfüllt Favoritenrolle und schreibt WM-Geschichte

Sichtburgh erlebte am Freitagabend ein Darts-Finale, das lange Zeit offener war, als es das nackte Ergebnis vermuten lässt. In der altehrwürdigen Glasburg, die Jahr für Jahr den würdigen Rahmen für die Darts-Weltmeisterschaft im Mittelland bildet, setzte sich am Ende der große Favorit Richard Paterson mit 7:2 Sets gegen die Turnierüberraschung Cristian Santiago durch. Doch der Weg zu diesem klaren Resultat war steiniger, nervenaufreibender und dramatischer, als es Paterson lieb gewesen sein dürfte. Der Miwaner ist damit zum allerersten Mal Weltmeister und auch die neue Nummer 1 der Welt.

Schon Stunden vor dem Anwurf war die Glasburg bis auf den letzten Platz gefüllt. 12.000 Zuschauer verwandelten die traditionsreiche Arena in ein Tollhaus, ein Meer aus miwanischen und mompracemschen Fahnen, Kostümen und Sprechchören. Während Patersons Name größtenteils von den miwanischen Fans skandiert wurde, galt Santiago die Sympathie der Neutralen. Der Außenseiter hatte sich mit furiosem Spiel und furchtloser Körpersprache in die Herzen der Fans geworfen – und genau diese Unbekümmertheit brachte er auch ins Finale. Zumindest am Anfang.

Santiago schockt den Favoriten

Als der erste Dart flog, war schnell klar: Cristian Santiago war nicht gekommen, um ehrfürchtig zuzusehen. Der 26-Jährige eröffnete das Match mit einem Set, das sinnbildlich für seinen gesamten Turnierlauf stand: aggressiv, präzise und ohne erkennbare Nervosität. Mit zwei 180ern und einem eiskalten Checkout von 124 Punkten schnappte er sich das erste Set und brachte die Glasburg zum Beben. 0:1 – der Favorit war gewarnt. Bereits beim Gang in die Pause war Paterson die Last der früher verlorenen Finals anzusehen, vor allem das bitter verlorere Weltspiel-Finale im Sommer gegen Srdjan Wera (17:19) war den Fans noch in bester Erinnerung. Immer wieder blickte er zu seiner Familie hinunter, die mitbangte.

Paterson wirkte auch zu Beginn des zweiten Satzes kurzzeitig ungewohnt fahrig. Ein paar Darts rutschten knapp unter die Triple-20, das Timing stimmte noch nicht, zudem musste er immer wieder nachfassen, da der Dart nicht sofort perfekt in der Hand lag. Doch mit einem 116er-Finish war er im Spiel angekommen. Im zweiten Leg des zweiten Satzes erhöhte er das Tempo, wechselte auch immer wieder mit Erfolg auf die Triple-19 und Triple-18 und zwang Santiago erstmals zu Fehlern. Die äußerten sich in drei verpassten Darts auf die Doppel-10 und in im Vergleich zum ersten Satz klar verringerter Scoring-Power. Der Ausgleich zum 1:1 war die logische Folge.

Ein Finale auf Augenhöhe – bis zur Wende

Doch Santiago ließ sich davon nicht beeindrucken. Stattdessen konterte er eindrucksvoll, nutzte Patersons seltene Schwächen auf die Doppel und ging erneut in Führung. Beim Stand von 1:2 schien das Märchen des Außenseiters plötzlich greifbar. Die Fans rochen die Sensation, jedes Triple Santiagos wurde frenetisch gefeiert.

Paterson antwortete mit Routine und Klasse. Mit stoischer Miene glich er zum 2:2 aus, doch die entscheidende Szene des Abends folgte im fünften Set. Santiago hatte mehrere Chancen, erneut vorzulegen, ließ jedoch drei Doppel liegen. Paterson nutzte die Einladung eiskalt – und drehte das Match erstmals zu seinen Gunsten (3:2).

Paterson schaltet in den Champion-Modus

Was danach folgte, war eine Demonstration der Extraklasse. Paterson schaltete sichtbar in den Champion-Modus, erhöhte seinen Average und dominierte die Partie nach Belieben. Mit einem Average von 103,02 Punkten zeigte er Darts auf höchstem Niveau, traf die Triple-20 mit beeindruckender Konstanz und ließ auf den Doppeln kaum noch etwas liegen. Ein besonderes Highlight war ein 164er-Finish zum 5:2 in den Sätzen. Nun war auch die Glasburg langsam auf Seiten des Favoriten und besang ihn mit Sprechchören.

Santiago kämpfte tapfer, sein eigener Average von 99,18 Punkten unterstreicht, wie hochklassig dieses Finale tatsächlich war. Doch die kleinen Ungenauigkeiten, die er sich erlaubte, wurden von Paterson gnadenlos bestraft. Set um Set zog der Favorit davon: 4:2, 5:2, 6:2 – die Vorentscheidung war gefallen.

Im neunten Set setzte Paterson schließlich den Schlusspunkt. Ein 11-Darter zum Matchgewinn, abgeschlossen mit einer nervenstarken Doppel-16 mit dem ersten Championship-Dart, ließ keinen Zweifel mehr offen. 7:2 – die Glasburg erhob sich geschlossen, als Paterson die Arme hob und den Blick gen Hallendach richtete.

Respekt für den Herausforderer

Trotz der Niederlage durfte sich Cristian Santiago feiern lassen. Sein Weg ins Finale, Siege unter Anderem gegen Stevan Koltora und Mensur Frankovic mit hohen Averages, gepaart mit seiner furchtlosen Art machten ihn zum Gesicht dieses Turniers. Paterson selbst fand im Anschluss anerkennende Worte: „Cristian hat mich am Anfang richtig unter Druck gesetzt. Ohne meine Erfahrung hätte das heute ganz anders ausgehen können. Endlich haben sich all die verlorenen Finals mal ausgezeichnet.“ Paterson hatte vier der letzten fünf Major-Finale verloren, unter anderem auch das WM-Finale 1820 und 1823, jeweils gegen Vladimir Stitov. Paterson gewinnt damit nicht nur seinen ersten WM-Titel, sondern übernimmt auch Ranglistenposition 1 in der Weltrangliste, die nach der Erhöhung des Preisgeldes in diesem Jahr gehörig durcheinandergewirbelt wurde. Für den Miwaner ist es der größte Titel in einer ohnehin beeindruckenden Karriere. Zwar war er gegen Santiago der klare Favorit und auch ohne Zweifel der beste Spieler des Turniers und auch das Resultat von 7:2 – das höchste seit 1817 und Washas letztem WM-Titel – wirkte deutlich, allerdings war der Matchverlauf erst zum Schluss wirklich klar. Er musste sich den Titel hart erarbeiten, nicht nur in diesem Turnier, sondern auch über die vielen Jahre davor. Auch, weil ihm ein Gegner gegenüberstand, der ihn an seine Grenzen brachte.

Die Darts-WM von Sichtburgh endet damit mit einem würdigen Finale: einem Abend voller Emotionen, hochklassigem Sport und der Bestätigung, dass sich Erfahrung am Ende oft durchsetzt – aber nur, wenn sie auf Leidenschaft und Präzision trifft.

Die Daten zum Finale:

Richard Paterson (5)                            7:2                           Cristian Santiago (23)

                                    2:3  3:1  2:3  3:1  3:1  3:2  3:1  3:1  3:2

Average:                              103,02                    99,18
Doppelquote:                         49%                       38%
Höchster Checkout:               164                        124
100+-Checkouts:                    4                             4
Aufnahmen ohne Triple:        22                           39
100+-Aufnahmen:                 46                           46
140+-Aufnahmen:                 28                           22
180+-Aufnahmen:                 16                           11

Die Daten zur WM:

Höchster Average: 106,97 (Richard Paterson vs. Eric Martolod, Viertelfinale)
170er-Finishes: Stevan Koltora, Magnus Björn Kamper, Nico Olohdem, Cristian Santiago (2x), Matt Goldman, Kilian Kombark
Beste Checkout-Quote: Gjorgi Tacholo (77,15 % vs. Adrian Lovechk, Viertelfinale)
9-Darter: /
9-Darter-Versuche: Matt Goldman (8 perfekte Darts vs. Mark Toulvac, Achtelfinale ; Cristian Santiago, 8 perfekte Darts vs. Mensur Frankovic, Viertelfinale)